Gottesdienst
Okt
„Nichts gehört der Vergangenheit an, alles ist noch Gegenwart und kann wieder Zukunft werden.“ Dieses Zitat von Fritz Bauer (Generalstaatsanwalt des ersten Frankfurter Auschwitz Prozesses) stellte Autor und früherer Leiter der Zeit-Stiftung Michael Göring der Lesung aus seinem Roman „Hotel Dellbrück“ voran.
Aus gutem Grund, denn der Roman beschreibt die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit und deren Auswirkungen für Gegenwart und Zukunft in einer verschränkten Entwicklungsgeschichte über zwei Generationen und über einen Zeitraum von über 80 Jahren.
Im Mittelpunkt stehen Vater Sigmund (Siggi) und Sohn Friedeman (Frido) Rosenbaum. Sigmund – jüdischer Abstammung – wächst als Waisenkind bei Pflegeeltern aus, der – aktiv katholischen - Familie des Hoteliers Antonius Dellbrück, der das nach seiner Familie benannte Hotel betreibt. Nach den Ereignissen der Reichspogromnacht im November 1938 initiieren britische Hilfsorganisationen in Kooperation mit der Regierung ein Fluchtprogramm für minderjährige Kinder, die Kindertransporte. Sigmunds Ziehvater entscheidet sich, diese Möglichkeit in Anspruch zu nehmen um den 15 jährigen Jungen in Sicherheit zu bringen. Sigmund kommt in eine methodistische Familie in Cornwall und erlebt dort Jugend und Pubertät. 1949 kehrt er nach Deutschland zurück, heiratet schließlich die Tochter seines Ziehvaters, arbeitet als Englischlehrer an dem Gymnasium, in dem er Jahre zuvor als „Judenlümmel“ schikaniert wurde und widmet sich intensiv den Auschwitzprozessen.
30 Jahre später wird sein Sohn Frido seinerseits auswandern, äußerlich aus anderen Gründen und in gänzliche andere Richtung: Auf Sinnsuche nach Poona und schließlich in ein neues Leben in Australien. Er kehrt viele Jahre später nach Deutschland zurück und begibt sich auf Spurensuche nach seiner Vergangenheit, die ihn - so beginnt der Roman – ins Hotel Dellbrück führt, in dem nunmehr ein Asylantenheim untergebracht ist. Hier deutet sich in der Begegnung mit dem jungen syrischen Emigranten Djad eine weitere Dimension der Fluchtgeschichte an.
Die Sehnsucht nach Bindung, Heimat, kultureller Identität in einem komplex wechselnden Umfeld über mehrere Länder, Kulturen und Religionen und die inneren und äußeren Auswirkungen von Flucht und Vertreibung sind Themen, die anhand der Geschichte von Vater und Sohn exemplifiziert werden, aber von hochaktueller Bedeutung sind.
In Anschluss an die Lesung gab es die Möglichkeit, mit dem Autor zu diskutieren und sich an den „runden Tischen“ über das Gehörte auszutauschen, wovon intensiv Gebrauch gemacht wurde.